Leseprobe

Der Auftrag

Anne hörte die Schritte näher kommen. Sie hatte sich in die hinterste Ecke des Schranks im Schlafzimmer gequetscht. Ihr Herz schlug laut. Die Schläge drückten gegen ihren Brustkorb, sodass es schmerzte. Die Tür zum Schlafzimmer wurde aufgerissen. Die Schritte kamen direkt an den Schrank. Anne hielt die Luft an, schloss ihre Augen und betete, dass sie nicht zu ihr wollten. Doch dann wurden die Schranktüren geöffnet. Der Schrank hatte eine beachtliche Tiefe, sodass man sie nicht sofort sah, wenn man es nicht darauf anlegte, genauer nachzusehen. Doch dann wurden die Anzüge in dem Schrank beiseitegeschoben. Anne hörte den Stoff über sich hinweg rascheln und wusste in diesem Moment, dass sie entdeckt worden war.
„Das ist ja eine Überraschung!“, erklang die Stimme des Mannes vor dem Kleiderschrank.
Anne riss die Augen auf und sah ihm direkt ins Gesicht.

 

-Vier Wochen zuvor-

 

Am Dienstagmorgen betrat Tom Gallagher pünktlich um 10 Uhr den Bürokomplex im Londoner Stadtteil Fitzrovia. Wenig später erreichte er den vierten Stock. Die Herausgeber des Magazins The Investigator hatten hier ihr Büro. Doch die meisten der Schreibtische waren noch leer. Nur vereinzelt saßen einige Mitarbeiter an ihren PCs oder telefonierten. Mit einem freundlichen Lächeln ging er zielstrebig auf einen Schreibtisch des Großraumbüros zu. Der Schreibtisch befand sich vor dem einzigen abgeschlossenen Büro, an dessen Tür die Aufschrift, Theodore E. Meyer – Herausgeber stand.

 

„Hallo Tom. Was bringst du uns denn heute Schönes?“, waren die begrüßenden Worte der Frau an diesem Schreibtisch.

Sie hatte hellbraune Haare, die sie zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden hatte, und trug ein schlichtes Kostüm. Margie Simmons war Mitte zwanzig und die Assistentin des Herausgebers.

„Briefe und Pakete, wie immer“, antwortete der Kurier mit einem weiteren Lächeln und gab Margie Simmons den Stapel.

Dann nahm er seine Mütze ab, fuhr sich durch seine kurzen roten Haare und sah sie etwas verlegen an.

„Den Brief hier muss ich aber persönlich abgeben.“

„Der Chef hat eine Besprechung. Du kannst ihn ruhig mir geben.“

„Der ist nicht für deinen Chef“, sagte er und hielt inne. „Der ist für Ask Anne“, erklärte er, nachdem er sich geräuspert hatte. „Ich soll ihn mit der Bitte um Rückantwort persönlich abgeben.“

„Da hast du Glück, Tom“, erwiderte Margie Simmons. „Sie ist eine der wenigen, die da ist. Anne sitzt da drüben.“

Sie zeigte auf einen Schreibtisch, der am anderen Ende des Raumes stand. Hinter dem Bildschirm war nur ein blonder Lockenkopf zu sehen.

„Sag mal Margie, was ist Ask Anne?“, fragte Tom Gallagher mit Blick zu dem Schreibtisch.

„Du solltest unser Magazin wirklich einmal lesen!“, sagte sie mit strengem Blick, bevor sie lächelnd erklärte: „Sie ist unsere Kolumnistin. Ihre Kolumne dreht sich um gesellschaftlich kritische Themen. Unsere Leser können ihr dazu auch Themenvorschläge per Post oder E-Mail schicken. Manchmal hängen Annes Themen aber auch von aktuellen Ereignissen ab, die entweder hier oder auch im Rest der Welt geschehen. In ihrer Kolumne nimmt Anne sich der Probleme an, geht den Ursachen auf den Grund und macht Lösungsvorschläge.“

„Also passend zum Namen eures Magazins.“

„Ja, du sagst es. Wir forschen nach!“, sagte Margie Simmons mit Stolz in der Stimme. „Sag mal“, fuhr sie fort, „soll ich die Annahme der anderen Briefe und Pakete vielleicht schon einmal quittieren?“

„Ja gerne.“

Tom Gallagher nahm aus der Tasche seiner olivgrünen Uniform ein kleines Gerät heraus, scannte die Briefe und Pakete auf Margie Simmons‘ Schreibtisch und tippte anschließend ihren Namen mit einem weißen Kunststoffstift ein, der an dem Scanner befestigt war. Dann reichte er ihr das Gerät zum Unterschreiben.

„Und wie ist der richtige Name von eurer Ask Anne-Kolumnistin?“

„Anne Vauxhall.“

„Danke, Margie.“

„Nichts zu danken.“

Margie Simmons wandte sich wieder ihrem PC zu, während Tom Gallagher mit schnellen Schritten zu dem Schreibtisch von Anne Vauxhall ging.

„Schönen guten Morgen“, sagte er. „Sie sind Ms. Vauxhall, richtig?“

 

Anne Vauxhall blickte von ihrem PC hoch und sah den Kurier mit ihren leuchtend grünen Augen interessiert an. Dann klemmte sie sich eine Strähne ihrer schulterlangen Locken hinter das rechte Ohr und nickte.

„Ich habe hier einen Brief für Sie“, sagte er und reichte ihr einen Umschlag, auf dem per Computer die Worte Ask Anne standen.

Nachdem Anne die Annahme des Briefes unterschrieben hatte, sah sie den großen, hageren Kurier mit den Sommersprossen irritiert an. Er machte keine Anstalten zu gehen.

„Um Rückantwort wird gebeten“, erklärte er, als er ihren Blick erwiderte. „Ich muss warten, bis Sie den Brief gelesen und mir gesagt haben, ob Sie eine Rückantwort geben möchten.“

„In Ordnung“, sagte Anne und öffnete den Umschlag mit einer Schere.

Sie faltete den Brief auseinander und las:

 

Sehr geehrte Ask Anne,

 

ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Kolumne. Egal, um welches Problem es sich handelt, Sie nehmen sich dessen an und versuchen immer eine Lösung zu finden. Genau so jemanden brauche ich jetzt. Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden soll. Die Polizei kann mir nicht helfen und ein Privatdetektiv ist mir zu riskant. Ich fürchte, dass der Mann, über den ich Sie bitten möchte, etwas herauszufinden, es erfahren könnte. Das wäre mein Todesurteil! Aus diesem Grund muss ich vorerst auch anonym bleiben und Sie bitten, auch nicht herausfinden zu wollen, wer ich bin.

 

Der Textilhändler James William bedroht mich und meine Existenz! Er ist skrupellos und ich vermute, auch kriminell. Dennoch fehlen mir dafür die Beweise. Ich gebe Ihnen bis morgen Mittag Zeit, mir so viele Informationen wie möglich über ihn zu liefern. Doch Sie dürfen nicht in seinem direkten Umfeld ermitteln. Das wäre zu gefährlich für mich. Wenn Ihre Informationen mir zeigen, dass ich Ihnen trauen kann, und in Ihnen steckt, was ich mir erhoffe, werde ich Sie um ein Treffen bitten. Da ich sichergehen muss, dass mir nichts passieren kann, müssen Sie jedoch etwas Geduld haben, bis es so weit kommt. Wenn Sie meiner Bitte nachkommen und diesen Auftrag annehmen, geben Sie bitte dem Kurier Bescheid, der Ihnen diesen Brief übergeben wird. Ich hoffe sehr auf Ihre Hilfe.

 

Hochachtungsvoll, Ihr Auftraggeber

[…]

 

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